Im Laufe des Lebens verändert sich die Art und Weise, wie unser Körper funktioniert. Ein Medikament, das vor fünf oder zehn Jahren perfekt eingestellt war, ist heute vielleicht nicht mehr die optimale Wahl. Mit dem Älterwerden arbeitet der Stoffwechsel langsamer: Die Leber baut Wirkstoffe verzögerter ab, und wie wir bereits bei der GFR-Leistung gelernt haben, filtern auch die Nieren Wirkstoffe nicht mehr so rasant aus dem Blutkreislauf wie in jüngeren Jahren.
Die Folge: Medikamente verbleiben länger im Körper, wodurch die Wirkung intensiver ausfallen und das Risiko für Neben- oder Wechselwirkungen deutlich steigen kann.
Ein regelmäßiger, kritischer Blick auf den Medikationsplan ist daher keine Missachtung der ärztlichen Verordnung, sondern gelebte Vorsorge. Hier sind 5 wichtige Medikamentengewohnheiten, die ältere Erwachsene proaktiv bei ihrem nächsten Arztbesuch besprechen sollten.
1. Die Gewohnheit der „Dauerschleife“ (Polypharmazie)
Viele Patienten nehmen Tabletten über Jahre hinweg ein, einfach weil sie irgendwann einmal verschrieben wurden – oft ohne zu hinterfragen, ob die zugrundeliegende Erkrankung überhaupt noch in dieser Form vorliegt.
- Das Problem: Wer fünf oder mehr verschiedene Medikamente täglich einnimmt, bewegt sich im Bereich der Polypharmazie. Ab dieser Menge ist es mathematisch fast unmöglich, alle Wechselwirkungen exakt vorherzusagen.
- Die Frage an den Arzt: „Welche dieser Medikamente sind aktuell noch zwingend notwendig, und können wir testweise die Dosis reduzieren oder ein Medikament ganz ausschleichen?“
2. Der unbemerkte Konsum von rezeptfreien Mitteln (OTC)
„Was man ohne Rezept in der Apotheke kaufen kann, ist harmlos“ – das ist einer der gefährlichsten Irrtümer. Viele ältere Erwachsene nehmen gewohnheitsmäßig freiverkäufliche Schmerzmittel (wie Ibuprofen oder Diclofenac) gegen Gelenkschmerzen oder pflanzliche Schlafmittel ein.
- Das Problem: Frei verkäufliche Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR können bei regelmäßiger Einnahme die Nierenfunktion drastisch verschlechtern und das Risiko für Magenblutungen massiv erhöhen. Zudem blockieren sie oft die Wirkung von verschriebenen Blutdrucksenkern.
- Die Frage an den Arzt: „Ich nehme regelmäßig dieses rezeptfreie Mittel gegen meine Beschwerden – verträgt sich das mit meinen Dauermedikamenten und meinen Nierenwerten?“
3. Das Ignorieren von neuen „Alterserscheinungen“
Häufig werden Symptome wie plötzlicher Schwindel beim Aufstehen, extreme Müdigkeit am Nachmittag, Mundtrockenheit oder leichte Verwirrtheit einfach auf das „Älterwerden“ geschoben.
- Das Problem: Sehr oft sind dies keine biologischen Alterserscheinungen, sondern klassische Nebenwirkungen von Medikamenten (z. B. von zu stark dosierten Blutdrucksenkern, Entwässerungstabletten oder Beruhigungsmitteln). Schwindel ist zudem die Sturzursache Nummer eins im Alter.
- Die Frage an den Arzt: „Ich habe in letzter Zeit vermehrt mit Schwindel/Müdigkeit zu tun – könnte das eine Nebenwirkung oder eine Überdosierung meiner aktuellen Tabletten sein?“
4. Die „Priscus-Liste“ ignorieren
Es gibt eine wissenschaftlich fundierte Liste von Medikamenten, die für ältere Menschen als potenziell inadäquat (ungeeignet) eingestuft werden – die sogenannte Priscus-Liste. Bestimmte Wirkstoffe (darunter einige klassische Schlafmittel, Magenmedikamente oder Schmerzmittel) haben im Alter ein unproportional hohes Risiko für Nebenwirkungen.
- Das Problem: Nicht jeder Arzt hat bei einer schnellen Folgeverschreibung die Priscus-Liste im Kopf.
- Die Frage an den Arzt: „Steht eines meiner Medikamente auf der Priscus-Liste für potenziell ungeeignete Arzneien im Alter, und gibt es eine modernere, sicherere Alternative?“
5. Das Verschweigen von Einnahmeschwierigkeiten
Manche Tabletten sind riesig und lassen sich schwer schlucken, andere müssen exakt im Stehen oder nüchtern genommen werden. Aus Pragmatismus neigen manche Menschen dazu, Tabletten eigenmächtig zu mörsern, zu teilen oder die Einnahmezeitpunkte so zu legen, wie es in den Alltag passt.
- Das Problem: Das Teilen von Retard-Tabletten (die den Wirkstoff eigentlich langsam über den Tag abgeben sollen) kann dazu führen, dass die gesamte Dosis auf einmal freigesetzt wird. Das kann lebensgefährlich sein.
- Die Frage an den Arzt: „Ich habe Probleme bei der Einnahme von Tablette X – gibt es das Medikament als kleinere Tablette, in Tropfenform oder darf ich diese explizit teilen?“
Ein strukturierter Tipp für das Arztgespräch
Im oft hektischen Praxisalltag vergisst man leicht die Hälfte der Fragen. Bereiten Sie sich daher im Sinne eines gut organisierten Hof- und Lebensmanagements gezielt vor.
Hinweis: Verändern Sie die Dosierung Ihrer verschriebenen Medikamente niemals eigenmächtig und setzen Sie Tabletten (insbesondere Herz-Kreislauf-Medikamente oder Antidepressiva) niemals abrupt ab. Dies muss immer in enger Absprache und unter Kontrolle Ihres Arztes geschehen.
Haben Sie oder ein Angehöriger das Gefühl, dass sich in letzter Zeit Symptome eingeschlichen haben, die mit dem aktuellen Medikationsplan zusammenhängen könnten?