Der Hauptgrund, warum sich viele viktorianische Frauen die Haare nicht schnitten und sehr lange Haare trugen, lag in den starken gesellschaftlichen Konventionen und der symbolischen Bedeutung der Haare.
Hier sind die zentralen Gründe:
- Zeichen der Weiblichkeit und Tugend:
- Langes, üppiges Haar galt als wichtiges Symbol für Weiblichkeit, Tugend, Gesundheit und Schönheit. Es wurde als “Krone der Frau” betrachtet.
- Kurzes Haar bei erwachsenen Frauen war unüblich und konnte als unschicklich, rebellisch oder sogar als Zeichen schlechten Rufs (z. B. bei Prostituierten oder in bestimmten Klöstern) angesehen werden.
- Statussymbol und Zeichen von Müßiggang:
- Sehr lange und gepflegte Haare waren ein Zeichen dafür, dass die Frau reich genug war, um Personal zu beschäftigen, das ihr beim Waschen, Bürsten und Stylen half.
- In den oberen Gesellschaftsschichten signalisierten lange Haare, dass die Frau nicht in einer Fabrik oder in der Landwirtschaft arbeitete, wo langes Haar unpraktisch oder gefährlich gewesen wäre.
- Biblische/Religiöse Konnotationen:
- In vielen christlichen Traditionen gab es die Vorstellung, dass langes Haar für die Frau eine “Ehre” oder “Herrlichkeit” sei (abgeleitet z.B. aus Bibelstellen wie 1. Korinther 11:15).
Wichtig zu wissen:
- Versteckt getragen: Obwohl die Haare sehr lang waren, wurden sie selten offen getragen. Die Haare von verheirateten oder älteren Frauen waren fast immer hochgesteckt, geflochten und kunstvoll frisiert. Offenes Haar war oft nur im privaten Rahmen, beim Fotografieren oder bei unverheirateten, jungen Mädchen üblich.
- Haarteile: Um die oft sehr aufwendigen und voluminösen Frisuren zu kreieren, wurden häufig die abgeschnittenen oder ausgekämmten Haare (gesammelt in sogenannten “Haarempfängern”) oder gekaufte Haarteile (“Ratten” genannt) verwendet, um der Frisur mehr Fülle zu geben.
Erst im frühen 20. Jahrhundert, besonders nach dem Ersten Weltkrieg, wurde der kurz geschnittene “Bubikopf” zum Symbol der Emanzipation und des gesellschaftlichen Wandels für Frauen.