Diese Geschichte ist ein klassisches urbanes Märchen, das seit vielen Jahren in verschiedenen Abwandlungen im Internet und über Mundpropaganda kursiert. Auch wenn sie nicht auf einer wahren Begebenheit beruht, fasziniert sie Menschen weltweit, weil sie auf eindringliche Weise zeigt, wie leicht man das Verhalten von Wildtieren fehleinschätzen kann.
Die Legende der Frau und ihrer Python
Eine 75-jährige Frau lebte seit vielen Jahren alleine mit einer riesigen Python zusammen. Die Schlange war ihr ein treuer Begleiter geworden: Sie lag mit der älteren Dame auf dem Sofa, bewegte sich frei im Haus und schlief jede Nacht eng an die Frau geschmiegt im selben Bett.
Eines Tages hörte die Python auf zu fressen. Tagelang rührte sie keine Nahrung an, obwohl die Frau ihr immer wieder ihre Lieblingsspeisen anbot. Besorgt um die Gesundheit ihres außergewöhnlichen Haustiers rief die Frau schließlich ihre Tochter an – eine erfahrene Tierärztin, die weit entfernt lebte und schon lange besorgt über die ungewöhnliche Mitbewohnerin ihrer Mutter war.
Als die Tochter zu Besuch kam, schilderte die Mutter besorgt die Symptome:
„Sie frisst seit Wochen nichts mehr, und nachts legt sie sich nicht mehr zusammengerollt an meine Füße, sondern streckt sich kerzengerade und ganz nah neben mir über die gesamte Länge des Bettes aus.“
Die Tochter wurde augenblicklich blass. Sie sah ihre Mutter an und sagte eindringlich:
„Mama, die Schlange ist nicht krank. Sie fastet, um ihren Magen leertzumachen, und wenn sie sich nachts lang neben dich legt, streichelt sie dich nicht – sie misst dich aus. Sie prüft jeden Tag, ob sie schon groß genug ist, um dich im Ganzen zu verschlingen.“
Erst in diesem Moment wurden der älteren Frau schlagartig die Augen geöffnet, und sie trennte sich schweren Herzens von dem Tier.
Warum die Geschichte biologisch gesehen ein Mythos ist
Obwohl die Geschichte als Warnung dient, entspricht das beschriebene Verhalten nicht der Biologie von Würgeschlangen:
- Schlangen „messen“ ihre Beute nicht aus: Riesenschlangen wie Pythons oder Anakondas besitzen keine kognitive Fähigkeit, ihre Beute im Voraus durch Danebenlegen „abzumessen“. Sie schätzen Beute optisch und über Geruchs- bzw. Wärmerezeptoren ein.
- Jagdverhalten: Eine Python lauert ihrer Beute auf oder greift sprichwörtlich im Überraschungsmoment zu. Sie legt sich nicht tagelang schlafend neben ein Beutetier.
- Größenverhältnisse: Um einen ausgewachsenen Menschen zu verschlingen, müsste eine Python extrem groß sein (über 5–6 Meter). Selbst dann ist das Verschlingen eines Menschen aufgrund der breiten menschlichen Schultern biologisch extrem selten und schwierig.
Dennoch bleibt die Kernbotschaft der Geschichte zutreffend: Wildtiere folgen ihren natürlichen Instinkten und lassen sich – egal wie viel Liebe man ihnen entgegenbringt – nicht wie klassische Haustiere domestizieren.
Kennen Sie diese Geschichte noch aus den sozialen Medien, oder ist sie Ihnen im Bekanntenkreis als angebliche „wahre Geschichte“ erzählt worden?